Interviews
 
JAZZPODIUM – 03.2005

Kompromissloses Musiker-Denken
Thorsten Klentze

Damals , fast fünf Jahre ist das her, damals hat Hans-Jürgen Schaal an dieser Stelle ein voluminöses Hoch auf ihn ausgebracht, auf den Hamburger Wahlbajuwaren Thorsten Klentze Und er sieht ihn wie in einer Art Koordinatensystem, dessen eine Achse Philip Chatherine und dessen zweite Charlie Mariano heißt. Das ist auch so, noch heute, auch wenn man als Gitarren-Fex in Sachen Klentze noch schnell Hall, Goodrick und Escoude´ nachliefern möchte.
Und dann ruft Klentze, den ich seit - Ahoi - und – Tigrib - auf meiner mentalen VIP-Liste ziemlich weit nach oben geschoben hatte, hier an. Eine DVD sei im Anmarsch, sagt er. Dann ist die DVD da, und nach dem Anschauen und Anhören ist Klentze einfach Klentze und gar keine Spinne mehr im Beziehungsnetz der Prägungen.
Sie heißt Präludium , Konnex dts KDVD 6001/via jazz-network.com, und - Theme über Präludium - heißt ein Stück des Thorsten Klentze Quartetts, in dem Mariano, Roger Jannotta ts, ss, b-cl, ff, Jost H. Hecker, cello, und Marika Falk, div perc, dem Thomas Kantor die Aufwartung machen. Und dann noch mal mit der Sarabande - Präludium Nr. 1 - und Sarabande - die für Kultur-Ignoranten spätestens durch das Baroque Jazz Ensemble und andere ähnlich modischen Cross-Culture-Gruppen der Sixties zum Ohrwurm wurde - sind aber gar nicht die kulturtragenden Elemente dieses Live-Mitschnitts aus Werne vom Oktober 2003. Dazu ist Klentze nicht Opportunist genug und Jannotta mit der Sarabande -Bearbeitung auch nicht und die zwei anderen auch nicht. Der Amerikaner Jannotta zum Beispiel hat für die Münchener Kammerspiele für - Faust -, - King Lear – und - Der Sturm – komponiert. Cellist Jost Hecker hat sich Meriten als Begleiter von Konstantin Wecker und Mercedes Sosa und vor allem im Modern String Quartett verdient. Und die Ungarin Marika Falk perkussioniert anderweitig noch in der Klezmer-Gruppe Nunu und in ihrem eigenen - 1001–Klang- Projekt
Was da mehr als eine Stunde lang abläuft, ist eigentliche zuallererst eine profunde Wiederentdeckung oder Wiedererweckung des 1995 –er Klentze-Albums -TIGRIB-. Und seit –TIGRIB- schon so was wie ein Schlüssel, noch ohne Jannotta, haben das süddeutsche Feuilleton und die Jazzpresse das Quartett und den Gitarristen gut im Griff. Kopflastig und dennoch gefühlvoll sei Klentzes Kompositionsarbeit wand sich die SZ. Kollege Schaal, flocht dem Gitarristen gar visionäre Linien ins Saitenspiel Und an der schönen blauen Donau schrieb einer: Dezent, leise aber bestimmt, treibt Klentze seinen Nonkonformismus voran, wittert im Minimalismus die Chance, auf sich aufmerksam zu machen. Und aus München gab `s noch diesen Satz: Gitarrist Thorsten Klentze beherrschte die ganze Breite der akustischen Jazzgitarre, ließ zwingende Joe-Pass-Passagen ebenso einfließen wie das folkloristische Feuer des Flamenco oder die lyrische Zurückhaltung der klassischen Schule. Ein anderer hat herausgefunden, dass Thorsten das europäische Prinzip im Jazz herausgepfriemelt habe. Er befände sich auf Spurensuche, nutzt Klassik und östliche Rhythmen, Improvisation und streng kompositorische Maßstäbe Und Klaus Münpfer befand sogar, Klentze zupfe mit der Abgeklärtheit eines Jim Hall und der Innovationskraft eines Philip Catherine. Aber das mit dem Klentzeschen Nonkonformismus stimmt ja schließlich auch
Dann unser Interview. Insiderkram zuerst. Was für eine Gitarre er auf der DVD spielt? Röder, ein Edelstück. Daumenplektron? Ja, was benutzt er, wenn überhaupt, an Effekten? Einen Tuner, einen Chorus, Kompressor und ein bisschen was an Distortion. Und er spricht über den Produzenten der DVD, Gerold Heitbaum. Das ist doch – genau, sein früherer Partner im alten Acoustik Guitar Duo, in dem beide Favinus gespielt hatten. Und, na klar, ist er Jazzgitarrist, was denn sonst. – Nur haben die Leute Angst vor diesem Wort und kommen nicht. So aber kommen sie, und nachher sagen sie: - Na, wenn DAS Jazz ist, dann möchte ich das schon öfter hören ! -
Rekapitulation: Nach diesem Duo Fisherman´s Break 1986-94, wieder ein Duo, nun mit Saxophonist Wolfgang Wahl. Dann 1999 der Live-Mitschnitt mit dem Quartett, wie es auf der DVD spielt und in dem seit 2004 Sascha Gotowschtikow statt Marika Falk musiziert, als Drummer und Handpercussionist.
2000 hat Thorsten dann den Vibraphonisten David Friedman eingeladen - Ich spar´ mir immer erst das Geld zusammen und dann organisiere ich die Musiker für neue Platten - und heraus kommt das Album - Late – im Trio mit Roger Jannotta. Zu der Zeit bereits hat Thorsten ein festes Duo mit Roger Jannotta, und er erwähnt in diesem Zusammenhang, dass er gelegentlich ja auch singe - Mingus -, zum Beispiel, was er dann mit der Unterstützung einer Sampling-Maschine macht: „ Das hatte ich mit Friedman überlegt.“ Nach – Late – brach die Zeit des Quartetts mit Mariano, Hecker und Falk an, Den Amerikaner kennt er schon seit dem frühen Achtzigern, aber zusammengetan mit ihm hat er sich erst nach Frishermen´s Break, wann immer Mariano die Möglichkeit und Thorsten das Geld dazu hatten. – Charlie ist 81. Er braucht Stress-Feitheit, - sagt er über die Gegenwart. - Da muß immer alles gut organisiert sein -.
Drei Konzerte gibt das Klentze – Quartett, feat Charlie Mariano, im März, nachdem er sich wieder einmal für Auftritte mit Jannotta ins reine Duo-Setting begeben hat. Jannotta auch war es, der 2002 die Besetzung für das Album - Ahoi – komplettierte. - Ahoi ist ein tschechisches Grußwort und bedeutet so viel wie Tschüss - . Im Jahr darauf wurden dann die Live-Aufnahmen für die DVD gemacht.
Und heute, anno 2005. Im enja >Musikverlag werden als Notenausgabe Klentze-Stücke erscheinen Zudem spielt er 30- bis 40-mal im Jahr und unterrichtet in einer gemeinsam mit zwei Kollegen gegründeten Musikschule in München: - Ich bin zwar aufs Land gezogen, aber ich brauche für meine Schüler meinen eigenen Raum in der Stadt -. Dort ist er dreieinhalb Tage pro Woche tätig.. – und dann muß ich auch noch ein bißchen was für mich tun, üben, komponieren, konzipieren. –
Und wie schreibt er ? Kleine Ideen, sagt Thorsten, notiert er sich sofort, und nachher setzt sich das oft aus solchen Puzzle-Teilen zusammen. ...Seit drei, vier Jahren komponiere ich sehr viel mental... „ Is Mingus online „ ist so beispielsweise in der Sauna entstanden. - und relativ formal gehe er vor beim Komponieren, denn die Kollegen sollen darüber improvisieren können. Geschlossene Bögen müssen da sein, und man muß für den Schluß zurückfinden können zum Anfang. Einen Harmonielehre-Freak nennt er sich selbst, der - interessiert ist an neuen progressions, an Überraschungen.
Nicht nur daran Er beklagt den – Kampf an der GEMA-Front -, den Kummer mit den Medien, der Medienlandschaft: Das Fernsehen verflacht und nivelliert nur noch, meint er. Und Künstler von Rang werden folglich auch nicht präsentiert und stattdessen wird jeder Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen. Die Folge? Geistiger Stillstand. Aber Hörgewohnheiten kann man erweitern. Und wir Jazzer sind im Übrigen an der Misere nicht ganz unschuldig. Man muß sich unabhängig machen von irgendwelchen aktuellen Strömungen. Aber wir müssen das Publikum auch mehr mit einbeziehen. Ich denke dabei auch an Jugendarbeit, wie sie beispielsweise Gunter Hampel macht. - Hampel,- ein kompromissloses Musikerleben.
Klentze? Ein komprosissloses Musiker- Denken.

Alexander Schmitz.

mailto: info@klentze.de