Interview    "Jazz Podium"
 
Nach der Mittleren Reife packte Thorsten Klentze seine Gitarre und trampte ein Dreivierteljahr als Straßenmusiker durch Europa. Damals mochte er Paul-Simons-Songs, pickte John-Renbourn-Stücke, kannte Werner Lämmerhirt und stand auf Crosby, Stills, Nash & Young. In Paris gründete er eine kleine Gitarren-Formation und klapperte mit ihr die französischen Bäder ab bis Biarritz. Doch was nach großer Freiheit klingt, brachte auch viel Frustration mit sich: >Die Musik, die mich interessierte, auf die Bühne zu bringen, war fast unmöglich. Die Leute wollten immer nur >Marina, Marina, Marina< hören und keine anspruchsvollen gezupfte Sachen.<
Als Klentze wieder nach Hause kam, holte er sein Abitur nach. Eines war ihm klar geworden, Musiker werden, wollte er ganz sicher nicht.
Doch dann kam wieder alles anders,. Er machte eine Banklehre, bekam auch da- von bald genug, ging nach München und beschloß, ab sofort nur noch das zu machen, wozu er wirklich Lust hatte. Und das war eben doch die Musik und inzwischen der Jazz. Thorstens Klentzes Jazz-Begeisterung hatte 1978 ihren Anfang genommen, und den Auslöser kann er genau benennen. Es war ein sensationelles Konzert des polnischen Geigers Zbigniew Seifert, bei dem Philip Catherine und Charlie Mariano mitwirkten. Beide >Catherine und Mariano< wurden zu Fixsternen in Klentzes musikalischem Kosmos. Die 1979 erschienene Platte: >Sleep My Love<, Catherine und Mariano im Trio mit Jasper van´t Hof, entfaltete eine bleibende Faszination: >Das ist wirklich eine zeitlose Platte,< schwärmt Klentze, >die habe ich bestimmt schon 30-mal verschenkt. Ich habe diese Band in der Hamburger Fabrik gehört und in Onkel Pö. Ich konnte jedes Solo auf der Platte mitsingen<. Kein Wunder, dass er manche Tugend des Gitarristen Catherine zu beherzigen begann und sich endlich auch Charlie Marianos Saxophone-Sound in seine eigene Band holte. ----- Aber wir wollen nicht vorgreifen.

Sehnsucht nach Hornhaut

Thorsten Klentze kam also nach München, um Gitarre zu spielen. Als Autodidakt und Spät-Berufener war er Lernender und Lehrender zugleich: >ich habe ein paar Bücher studiert, habe Leute aufgesucht, Peter Wölpl, Philip Catherine, Michael Sagmeister, Eddy Marron und dann angefangen, meine eigene Technik zu entwickeln. Gelebt habe ich vom Unterrichten, Aushänge an Bahnhöfen und eine freakige Anzeige in der Stadtzeitung: -Wer hat Sehnsucht nach Hornhaut auf den Fingerkuppen?<, brachten ihm die ersten Schüler.
Später, als Klentze ins Münchner Umland zog, fand er im Werkhaus in München-Neuhausen eine etablierte Unterrichtsstätte. Auch Kurse in der Volkshochschule kamen hinzu. Seine Gitarrenschüler sind vorwiegend Fortgeschrittene, auch Profimusiker oder angehende Profis. Am liebsten übt er mit ihnen eigene Arrangements ein: >weil das überzeugender ´rüberkommt als ein ausgelutschter Villa-Lobos.<
Was lernt man beim Gitarrenlehrer Klentze ? >Ich achte erst einmal auf eine gute linke Handtechnik, daß die Gitarristen richtig sitzen, daß der Daumen nicht über das Griffbrett hängt. Viele Lehrer achten zu wenig darauf, wie die Leute eigentlich Gitarre lernen, und denen sind dann von vornherein Grenzen gesetzt. Die klassischen Gitarristen spielen ja nun seit 500 Jahren intelligente Musik auf Gitarren und Lauten und haben eine bestimmte Art entwickelt, wie man die Gitarre hält, wie man sitzt und die linke Hand bedient Das versuche ich meinen Schülern beizubringen Dann lernen sie A-Dur und G-Dur, die ersten Lieder, die ersten Schlagrhythmen, Zupftechniken, natürlich Paul-Simons-Songs, meine eigenen Arrangements. An der VHS mögen sie auch gern singen<.
In seinen Privatkursen geht es dagegen hauptsächlich um Jazz, und da setzt Klentze seine eigenen Lern-Erfahrungen bestens um. >Dadurch, daß ich selbst immer sehr lange gebraucht habe, kann ich den Schülern die Fundamente gut beibringen. Und durch das Erklärenmüssen lernt man selbst noch eine Menge.<
Natürlich bekommen die Schüler auch Klentzes spezielle von ihm selbst entwickelte 7-Lagen-Technik beigebracht. >Die meisten Gitarristen spielen sehr viele Lagenwechsel. Ich habe entdeckt, daß man in einer Position alle Tonarten spielen kann, ohne daß man groß rutschen muß. Das bedeutet einfach viel mehr Kontrolle auf dem Instrument Da habe ich neue Wege entwickelt, die ich so bei anderen Gitarristen noch nicht entdeckt habe.<
Ebenfalls ein wichtiger Teil des Unterrichts ist die harmonische Analyse: Das Heraushören von Akkordverbindungen, das Melodienschreiben über Akkordfolgen. Hier berühren wir auch das kreative Geheimnis des Gitarristen und Komponisten Thorsten Klentze: >Wer auf der Gitarre mit Vorliebe harmonische Zusammenhänge analysiert, die nicht für dieses Instrument gedacht sind, sagen wir, Schönberg oder Beethoven, der findet fast zwangsläufig zu eigenen Routen am Griffbrett. Bei jeder neuen Harmoniefolge, die ich entdeckt habe, habe ich auch wieder etwas Neues komponiert. Dutzende ziemlich eigenständige, stilistisch ganz unterschiedlicher Stücke sind so entstanden, oft nur aus zwei Takten heraus, aus einer einzigen harmonischen Verbindung. Das zaubere ich dann weiter, das ist ein langer Prozess.< Am Ende solcher Prozesse stehen so herb bezaubernde Schönheiten wie die Stücke der 1995 aufgenommenen CD >Tigrib<.

Brief an Charlie Mariano

Ganz klar: Der Gitarrenlehrer und der kreative Musiker sind im Fall Klentze schwer zu trennen. 1986 lernte er den Saxophonisten Wolfgang Wahl kennen und gründete mit ihm das Duo >Fisherman´s Break<, das erfolgreich durch Deutschland, Dänemark und Holland tourte. 1991 wurde daraus ein Quartett mit Bass und Schlagzeug, eine CD entstand, aber die Band zerbrach an musikalischen und finanziellen Hürden. Eine Zeit der Umorientierung folgte. Klentze erneuerte seinen Kontakt zu Jost H. Hecker, dem Cellisten des Modern String Quartet, über den er die Perkussionisten Marika Falk kennenlernte. Bald gaben die drei gemeinsame Konzerte. Und weil Klentze im stillen seit dem Konzerterlebnis mit Zbigniew Seifert davon träumte, einmal etwas mit Charlie Mariano zu machen, entstand eines Tages die Idee eines Quartetts mit Altsaxophon, Gitarre, Cello und Handtrommeln.
Das Klangbild auf >Tigrib<, einer der schönsten CDs des Jahres 1998, ist von exquisiter Poesie und strengem Charme und belegt Klentzes Liebe zur Kammermusik. Dieselbe nüchtern-aparte Mischung findet man in seinen Gitarrenlinien, spontanen Melodien mit lyrischem Raum und wenig Hektik. Und schließlich ist da eben Charlie Mariano. Die zerbrechliche Präsenz seines Altsaxophons gibt dieser kühlen, klaren Musik ihre intensive Seele und ihrem menschlichen Atem. >Ich habe ihm geschrieben und er hat auf meinen Anrufbeantworter gesprochen,< erzählt Klentze von der ersten Kontakt- Kontaktaufnahme mit Mariano. >Ich besuchte ihn dann, wurde ganz herzlich empfangen, brachte ihm die Stücke. Er ist ein lieber Mensch, steht vollkommen über der Sache Es gibt kein Konkurrenzdenken, keine Spannungen. Er bringt eben auch 50 bis 60 Jahre Erfahrung mit<.
Um das Spiel- und Klangkonzept der CD >Tigrib< in einer Working Band fortzusetzen, sah sich Klentze 1998 in München nach einem Saxophonisten um, der Marianos Rolle übernehmen könnte. Seine Wahl fiel auf den Multi-Instrumentalisten Roger Jannotta, der von >Tigrib< sofort begeistert war. Jannotta spielte früher bei Tom van der Geld und in der Formation >Between<, gehörte zur >Carla Bley Big Band< und ist ein erfahrener Theatermusiker. Klentze holte für einzelne Konzerte sogar beide Saxophonisten, Mariano und Jannotta, und arrangierte seine Stücke dafür so gründlich um, daß er sie selbst kaum wiedererkannte. >Ich habe Charlie auch ein größeres Stück gewidmet, 1996 geschrieben, mehrteilig und zum größten Teil auskomponiert. Beim Schreiben hatte ich Charlies Sound immer im Hinterkopf, die Vielseitigkeit seiner Erfahrungen<. Die Nummer heißt schlicht >Mariano< und ist das Ti- telstück der CD geworden, die Klentzes Musik im 2-Bläser-Konzept vorstellt.

Der Schutzpatron: Philip Catherine

Mit Synthesizern und Sound-Programmen beschäftigt sich Thorsten Klentze selten. >Ich spiele immer mit einem sehr klaren Sound. Ich arbeite lieber mit den Fingern und lasse den Ton singen. Ich spiele eine ziemlich hohe Saitenlage, da brauche ich keine Effektgeräte<. Rein akustisch hört man Klentze seit einige Jahren im Gitarren-Duo mit dem Kölner Gerold Heitbaum. In gewisser Weise ist Philip Catherine der Schutzpatron des Duos, denn bei einem von ihm geleiteten Workshop lernten sich Klentze und Heitbaum kennen. >Catherine ist aus meinem Spiel nicht wegzudenken<, gibt Klentze gern zu. >Er hat mich wirklich gepackt, auch sein melodisches Konzept. Ein sehr ästhetischer Spieler. Ich habe Philip öfters getroffen und bin mit ihm mal hier in München in einer Kneipe versackt bis in den frühen Morgenstunden. Er spielte mir Aufnahmen von sich vor, sah meinen Gesichtsausdruck unterm Kopfhörer und meinte nur: Oh man, this is a real love affair<.
>Real Love Affair< wurde dann der Titel einer Komposition, die Klentze dem Belgier widmete und in Trier auf einem Workshop überreichte. Ein Jahr später lernte er beim Catherine-Workshop Gerold Heitbaum kennen, dessen Wurzeln mehr im Gipsy -Swing liegen. Der Kölner war durch die Platte >Young Django< mit Stephane Grappelli und Larry Coryell auf Philip Catherine aufmerksam geworden und wollte auf dem Workshop Catherines Komposition >Janet< lernen. >Wir haben dann fleißig mitnotiert<, erzählt Klentze, >und ich habe das später arrangiert für zwei Gitarren und auch ein bißchen verändert<. So nahm das >Acoustic Guitar Duo< seinen Anfang. Mit Heitbaum spielt Klentze neben Original-Kompositionen auch Jazz-Klassiker wie Chick Corea, Armandos´rhumba, John Mc.Laughlins, Guardian angel oder Joe Zawinuls >birdland<.
Klentze und Heitbaum spielten Instrumente der Pariser Gitarrenbauer-Familie Favino, die für Boulou Ferre und andere französische Gitarristen die Gitarren entwickelt hat. Auf der Frankfurter Musikmesse hatte Klentze einmal eine Favino ausprobiert und glaubte, mit einer solchen Gitarre auch ohne Verstärkung gegen >laute< Instrumente bestehen zu können. Kunstsinnige Mäzene aus Bad Segeberg ermöglichten ihm schließlich die Anschaffung. Klentze fuhr nach Paris, suchte persönlich die Hölzer aus und gab bei Jean.Pierre Farino, dem Sohn des alten Gitarrenbauers das Instrument in Auftrag.
>Gerolds Favino ist noch vom Vater gebaut. Seine Gitarre klingt viel mehr nach Django, meine klingt viel mehr nach Nordamerika, fast wie die Guild-Gitarren<
Schnell musste Klentze aber feststellen, daß die akustische Favino doch nicht so einsetzbar war, wie er gehofft hatte. Er begann daran herumzubasteln, Mikrophonsysteme, Pick-ups, Saiten und Plektren zu erproben. > Momentan bin ich sehr zufrieden, aber es hat Jahre gedauert, bis ich das alles ausgetestet hatte. Große Frustrationen auch. Es ist wichtig, dass man alles so unkompliziert wie möglich hält und auf der Bühne nur noch an die Musik denken muß<.
Dann nämlich kann sich jene Relaxtheit einstellen, die Klentzes fein modellierten Soli ihre unverkennbare lyrischen Seele gibt. Ganz ähnlich wie bei Philip Catherine.
Hans-Jürgen Schaal.

CDs
Fisherman´s Break, Edition Collage
Tigrib, Konnex
Mariano, Konnex

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